27.10.2026
Preisverleihung «Prix Nagel» 2026

Baukultur ist Teamarbeit

Einsiedlerhof erhält «Roter Nagel» 2026 vom Architektur Forum Schwyz
 
Die Aufzählung von Bezirksrat Stefan Kälin, Ressortchef Liegenschaften beim Bezirk Einsiedeln, wollte fast nicht enden: Ein Spitalprovisorium, eine Asylunterkunft, eine Schuleinrichtung samt Kindergarten, ein Hotel oder ein Schwimmbad hätten am Paracelsuspark beim Kloster Einsiedeln entstehen sollen. Sämtliche Nutzungsideen fanden keine Gnade vor dem Volk. Erst das Konzept einer gemischten Nutzung mit Bezirksverwaltung, Pfarreiheim und Wohnungen konnte sich durchsetzen – mit 70 Prozent Zustimmung. Im Frühling 2026 haben die drei beteiligten Bauherrschaften ihre Häuser bezogen. Jedes ist anders, aber alle gut gestaltet und doch spielen alle gut zusammen – also ein gelungenes Ensemble. Für die geglückte Teamarbeit verleiht das Architektur Forum Schwyz 2026 dem Einsiedlerhof die Auszeichnung «Roter Nagel».
 
Der Bezirk baut vorbildhaft
Bei seiner ersten Verleihung vor zwei Jahren ging der Preis nach Oberschönenbuch für ein gestalterisch umsichtig saniertes Haus aus dem Jahr 1316. Im letzten Jahr erhielt die Bauherrschaft eines hervorragend renovierten Bauernhauses ausserhalb der Bauzone in Wangen die Auszeichnung. Nun ist die Kantonsmitte an der Reihe: Nicht mehr mit einem Um-, sondern mit einem Neubau und erstmals hat auch die öffentliche Hand ihre Finger im Spiel.
Mit dem Preis werden nicht Architektinnen und Architekten bedacht, sondern die Auftraggebenden. Gute Architektur und gut gestaltete Orte können nur durch Aufträge von mutigen Bauherrschaften entstehen, so die Erfahrungen im Architektur Forum Schwyz.
 
Anspruchsvolle Baustelle
Der Ort, direkt gegenüber des mächtigen Sandsteinportals des Klosters Einsiedeln ist so eindrücklich wie anspruchsvoll. Deshalb haben Bezirk und Kirchgemeinde sich für einen Architekturwettbewerb entschieden. Pool Architekten aus Zürich haben mit ihrem Vorschlag für eine Bebauung mit einzelnen freistehenden Häusern gewonnen und diesen mit der Entwicklungsfirma Halter realisiert. Das gebaute Resultat zeigt, wie harmonisch sich die Neubauten in den historischen Bestand einfügen.
Bezirksverwaltung und Wohnhaus säumen den Paracelsuspark neben dem Kloster. Über mehrere Wege durch den grünen Innenhof verbunden, liegt das neue Pfarreiheim etwas tiefer. Dort überdacht eine Arkade den Zugangsweg, dem langen Bestandsbau der bestehenden Jugendkirche aus den 1940er Jahren gegenüber. Sitzbänke, Brunnen und Bäume laden in diesem Freiraum zum Aufenthalt ein.
 
Gemeinsam ein lebendiges Dorf gestalten
Tatsächlich ist der Ort auch am Abend belebt. Albert Schönbächler, Präsident der Kirchgemeinde, schwärmt bei der Preisübergabe vom Leben, das nun Einzug hielt: «Es läuft was.» Foyer und Saal seien so oft genutzt, dass die Hausmeister sich gut organisieren müssen. Selbst abends und an Wochenenden seien Foyer und Saal für Veranstaltungen gebucht. Die grosszügige Form und die warme Atmosphäre des Holzes tragen auch dazu bei. «Durch das neu gestaltete Gesamtkonzept ist ein Treffpunkt im Dorf entstanden. Nicht protzig, sondern angemessen», meint Schönbächler.
Auch für den Bezirk ist der Neubau ein grosser Gewinn. «Früher waren die Abteilungen auf mehrere Standorte verteilt. Nun schätzen wir die Nähe, die ein effizientes Arbeiten ermöglicht», schwärmt der Landschreiber Patrick Schönbächler. «Die Büros sind gut ausgestattet und die Lage ist zentral.» Auch das Haus des Bezirks steht über die Bürozeiten hinaus offen, denn im Sockel befinden sich die öffentliche Bibliothek und die Räume der Musikschule. Hier spielen Musikschülerinnen und Musikschüler aber auch Gesellschaften, wie die Jugendmusik oder die Konkordia Einsiedeln.
Dorthin verabschiedet sich dann auch der Liegenschaften-Verantwortliche Stefan Kälin nach dem Apéro. Denn die Konkordia hat heute Probenabend. Nicht nur die ortsbauliche Anordnung der Gebäude, auch die Akustik im Proberaum sei hervorragend, ruft er stolz Andreas Sonderegger von den projektverantwortlichen pool Architekten aus Zürich zum Abschied zu. Das Architektur Forum Schwyz gratuliert zum «Roten Nagel» 2026 für den Einsiedlerhof und hofft, auch die anderen Bezirke und die Gemeinden nehmen sich das Ensemble zum Vorbild.


Roland Züger, Architektur Forum Schwyz

Roter Nagel
Vor rund dreissig Jahren wurde die Auszeichnung erfunden. «Aufspüren, sichtbar machen, vermitteln» hiess das Credo, mit dem das Architekturforum Obersee ihren ersten «Roten Nagel» 1998/99 verlieh. Seither ist er auch in der Zentralschweiz oder in der Romandie im Einsatz – seit 2024 auch im Kanton Schwyz. Das Architektur Forum Schwyz zeichnet mit dem «Roten Nagel» engagierte Bauherrschaften aus, die sich für die Baukultur und lebenswerte Orte stark machen.


Bilder: Andrea Helbling und Simeon Mächler

Pläne: Pool Architektur